Fortfahren, um anzukommen:
Christof Lauer’s Odyssea Sonorum
Wolfgang Sandner
Jazz ist unberechenbar. Mehr als andere musikalische Genres. Das macht auch seine Faszination aus. Niemand kann vorhersagen, was bei Improvisationen geschehen wird. Technik alleine garantiert da noch keine tragfähige Jazzkunst. Deshalb möchten die Musiker oft den Kreislauf der Kreativität zwischen Festhalten am Bewährten und Vorwärtsdrang zu Unerhörtem mit außergewöhnlichen Maßnahmen durchbrechen. Meist sind es kollektive Prozesse, die aufregend Neues zutage fördern. Aber selbst die geselligsten Jazzmusiker benötigen von Zeit zu Zeit etwas ganz anderes: die selbstgewählte Eremitage, den künstlerischen Alleingang, um buchstäblich zur Besinnung zu kommen.
Individuelle Möglichkeiten gibt es dazu so viele wie Charakterköpfe des Jazz. Gelegentlich stellt sich dann einer von ihnen mit seinem Instrument nachts auf die Williamsburg Bridge zwischen Brooklyn und Manhattan und lässt sich von den rollenden Synkopen der Automobile, Subways und Lastenschlepper auf dem Fluss begleiten. Sonny Rollins stand da zwischen 1960 und 1961 oft mit seinem Saxophon in einer Ecke, unsichtbar für jene, die die gigantische Hängebrücke in New York zu Fuß überquerten, und spielte so, als habe die Stahlkonstruktion der Brücke selbst ihre robuste Stimme erhoben. Die Williamsburg Bridge war Sonny’s Kirche, ein mystischer Ort, an dem er mit seiner Musik ins Reine kam. Waren es Jazzkunstwerke oder schier endlos variierte Etüden? Das weiß nur der Wind, der stoisch wie eh und je über den East River weht.
Phasen von solistischem Purismus kannte auch der Bassist Barre Phillips. Einmal hat er beschrieben, was ihn dabei bewegte: Wenn der Vorhang sich hebt oder die Geräte im Tonstudio eingeschaltet werden, sei es Zeit, alle anderen mentalen Aktivitäten einzustellen und zu einem großen Ohr zu werden. Phillips war ein Meister des In-sich-hinein-hörens. Man kann es studieren auf Journal Violone von 1968, dem ersten Soloalbum eines Bassisten in der Geschichte des Jazz, gefolgt von einem halben Dutzend weiterer Solo-Einspielungen bis zum Jahr 2020: Tonkunstwerke artikulatorischer Nuancen und klanglicher Differenzierungen, ungestört vom Einspruch anderer Musiker.
Ja, und dann ist da noch der bisweilen autistisch wirkende Klaviermeister aller Klassen Keith Jarrett. Am liebsten hätte er wie Glenn Gould mit sich selbst Interviews geführt, um zu verhindern, dass ihm auch noch das Wort im Munde herumgedreht werden könnte. Einen Großteil seiner Konzerte und Aufnahmen – wahrlich nicht die unwichtigsten – spielte er ohne Partner. Jarrett war der geborene Solist. Nur so – alleine auf der Bühne oder im Studio – war es ihm möglich, sein Ideal zu verfolgen, das er »Free Playing« nannte, eine Improvisation mit Werkzeugen, aber ohne Material, freies solistisches Klavierspiel, rein aus der Eingebung des Moments entwickelt, ganz ohne Vorgaben, sei es als Komposition, Akkordschema, Head-Arrangement oder sonstige in Klang umwandelbare Vorstellungen a priori.
Odyssea Sonorum, Christof Lauers solistische Klangreise in die mythischen Regionen seines Tenor- wie Sopransaxophons lässt sich umstandslos diesen unorthodoxen Alleingängen von Jazzmusikern zuordnen. Im Blick auf seinen Werdegang erscheint es wie ein notwendiger ästhetischer Pendelschlag. Lauer gehörte von 1993 bis 2018 zur NDR-Bigband in Hamburg, wobei es ihm möglich war, auch in eher kammermusikalischen Gruppierungen, etwa mit dem United Jazz and Rock Ensemble, im Jazzensemble des Hessischen Rundfunks, im Quintett von Albert Mangelsdorff oder in Trio- und Duo-Formationen tätig zu sein. Dennoch überrascht es nicht, dass er, als er nach so langer Zeit aus Hamburg zurück nach Frankfurt kam, das fest geschnürte Bigband-Korsett gegen die Freiheit des musikalischen Alleingangs tauschte. Nur wie er es tat, war höchst ungewöhnlich und erinnert an die Beispiele von Sonny Rollins, Barre Phillips und Keith Jarrett, ohne dass von einem unmittelbaren Einfluss gesprochen werden kann.
Die Alte Nikolaikirche auf dem Frankfurter Römerberg wurde für Christof Lauer nun so etwas wie die Williamsburg Bridge für Sonny Rollins ; zwar unvergleichlich in ihren spezifischen Funktionen, aber offenbar beides Orte, um zu sich selbst zu finden. Dafür hat auch Lauer ein freies Agieren ohne konkrete Klang- und Formvorgaben wie Keith Jarrett gewählt, um so selbstverständlich wie Barre Phillips ganz tief in sich hineinzuhören und dabei zu einem großen Ohr zu werden. Aus dem spontanen Jetzt entwickelte er einen Ton aus dem anderen zu einem intensiven Monolog, der stets einen Kreis aufmerksamer Zuhörer ansprach, die ganz bewusst oder auch eher zufällig den Weg aus der lauten Öffentlichkeit des Römerbergs in die Abgeschiedenheit des Kirchenraums gefunden hatten; bei freiem Eintritt; in der Regel am ersten Montag eines jeden Monats; immer um 19 Uhr; als Meditationen, später schlicht als Improvisationen annonciert; seit dem Jahr 2019; ein feststehendes Ritual; so selbstverständlich mit der Zeit, als gehöre es zu all den anderen zeremoniellen Handlungen und unverrückbaren Merkmalen an diesem geschichtsträchtigen Ort.
Odyssea Sonorum, der Titel seiner musikalischen Erkundungen erinnert daran, dass man sich im maßlosen Klangraum der Musik und auch
in den noch nicht zur Musik geformten Tönen und Geräuschen sehr schnell verirren kann, wenn man sich auf das Abenteuer völliger Freiheit einlässt, dabei nur seinen Instrumenten vertraut und auf sonstige Steuerungssysteme durch all die Tiefen und Untiefen des Reichs akustischer Phänomene verzichtet. Drei musikalische Dokumente hat Christof Lauer aus seinen Expeditionen für die vorliegende Produktion veröffentlicht. Sie stammen aus drei unterschiedlichen Auftritten im Jahr 2025: »Odyssea Sonorum« mit Tenorsaxophon vom 2. Juni ; »Pinus Pinea« mit Sopransaxophon vom 6. Oktober und »This Is For Heinz« vom 11. August, wiederum auf dem Tenorsaxophon.
Man sollte die Beispiele aus drei unabhängigen sonoren Forschungsreisen nicht unbedingt im Nachhinein als mehrsätziges Solokonzert zusammendenken. Aber es fällt schon ein durchgehender Gestaltungswille auf, wenn etwa das Prinzip der thematischen Entwicklung aus akkordisch gebrochenen, immer weiter variierten, vergrößerten, umspielten und aufgefächerten Motiven als formstiftendes Element in allen Teilen wiederkehrt. Manche melodische Figur oder Klanggeste taucht schimärisch immer wieder auf, als erinnere sich Christof Lauer plötzlich wieder daran, wie er vor Monaten beim Spielen darauf stieß, um ihm jetzt wie einem guten alten Bekannten zublinzelnd seine Reverenz zu erweisen.
Christof Lauer, das bestätigt auch diese ungewöhnliche Produktion, ist ein phänomenaler Stilist, ein Klangmaler ohne Grenze und Rand, aber doch immer auch ein Ästhet, der sein Instrument achtet, nie in Gefahr gerät, es zu verschlingen, auszuquetschen, als Inhalationsgerät zu missbrauchen oder gar – wie es manchen radikalen Expressionisten in der historischen Kaputtspielphase des Jazz notwendig schien – zu zertrümmern.
Noch in den freiesten Momenten wird der Wille spürbar, etwas sinnstiftend zu Ende bringen zu wollen, nichts ausfransen zu lassen, die Balance zu wahren. Das könnte auch ein anderer großer Saxophonist bestätigen: Heinz Sauer, der geniale Weggefährte von Albert Mangelsdorff, war beim Konzert Christof Lauers am 6. Oktober 2025 im Publikum. »This Is For Heinz« ist ihm gewidmet.
